Moderator Jochen Schropp outet sich im “Stern” als schwul

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Jochen Schropp © David Nescholta
Jochen Schropp © David Nescholta

Der Schauspieler und Moderator Jochen Schropp hat sich in der aktuellen Ausgabe des “Stern” kurz vor seinem 40. Geburtstag nun öffentlich als schwul geoutet. In einem öffentlichen Brief wendet er sich sowohl in der “Stern”-Ausgabe, als auch über seine Socialmedia-Accounts an seine Fans.

Die Reaktionen auf sein Outing waren – nicht nur für Schropp – überraschend positiv. In der “Gala” äußerten sich als Reaktion auf sein Outing zahlreiche Prominente. In der Gala wird beschrieben, dass Schauspielerin Jessica Schwarz (41) drei Herzen unter den Post setze und noch eine “dicke Umarmung” mitschickte. Model Sarah Knappik (31) kommentierte: “Ich bin total stolz auf dich. Hab dich sehr lieb”. Sängerin Alina reagierte ähnlich: “Habe Gänsehaut überall und bin so stolz auf dich”. Ein simples “yeesssss” gab es von Model Bonnie Strange (31) und Kickbox-Weltmeisterin und “The Biggest Loser”-Moderatorin Christine Theiss (38) kommentierte: “Schade für die Damenwelt, schön für die Männer. Spaß beiseite! Ich hoffe, du kannst das befreiende Gefühl, mit einer Lebenslüge aufgeräumt zu haben, richtig genießen.”

Der offene Brief von Jochen Schropp im genauen Wortlaut:

Ich bin schwul.

Manche von Ihnen werden jetzt sagen: „Und wo ist jetzt die Neuigkeit?“ Andere von Ihnen werden es nicht gewusst oder „geahnt“ haben.

Vielleicht werden Sie sich fragen: Muss man das heutzutage überhaupt noch erwähnen? Ich finde: ja. Klar, es ist in den letzten Jahren in Sachen Akzeptanz viel passiert, dennoch sind wir von Normalität in vielen Bereichen weit entfernt.

Diese Zeilen sollen nicht um mein persönliches Outing gehen, sondern darüber, wie wichtig ich es finde, Leute, die anders sind als man selbst, zu verstehen und Andersartigkeit als selbstverständlich zu sehen. Wer hat die Norm erfunden und warum sind uns Menschen, die anders sind als wir selbst, fremd oder gar unheimlich?

Mit 15 wurde ich in der Schule so sehr gemobbt, dass ich weder in den Schulferien das Freibad oder Geburtstage besuchte. Ich wurde geschubst, bekam das Bein gestellt und wurde einmal so lange im Schwimmbad unter Wasser gehalten, dass ich dachte, ich ertrinke. Oft weinte ich abends vor dem Einschlafen, erzählte meinen Eltern vom Geschehenen und wurde getröstet, ‚ich solle drüber stehen, ich sei ja nicht schwul’. Ich werfe das meinen Eltern nicht vor, sicher waren sie selber überfordert damit, mich zu beruhigen.

Mein Leben änderte sich, als ich ein Stipendium für ein Auslandsjahr an einer amerikanischen High School bekam. Hier öffnete sich eine ganz neue Welt für mich. Ich konnte plötzlich all meine Interessen ausleben, für die es in Deutschland zu meiner Schulzeit keine Möglichkeit gab. Ich schrieb für die Schülerzeitung, sang im Chor, spielte Theater. Ich war der vollends integrierte deutsche Austauschschüler, der sich endlich gefunden hatte.

Warum hole ich so weit aus? Um zu erklären, warum ich so lange mit diesem Brief gewartet habe. Gerade habe ich ein Buch eines Psychologen gelesen, der darüber spricht, warum schwule Männer ihr ganzes Leben mit einer Art Scham durchs Leben gehen. Natürlich gibt es Mädchen, die mit Autos spielen. Schlimm? Selten. Jungs, die sich allerdings gerne als Prinzessin verkleiden und sich eine Puppe zum Geburtstag wünschen (ich war 10 und meine Puppe hieß Yvonne), bekommen zu spüren, dass sie „anders“ sind. Weiter geht’s im Sportunterricht, wo man der Letzte ist, der in die Mannschaft gewählt wird, weil man nicht gut mit Bällen umgehen kann. Bitte verstehen Sie das nicht als Klischee – es war mein Leben und ist auch das Leben vieler Männer, mit denen ich mich über ihre Sexualität und ihr Aufwachsen unterhalten habe. Diese Scham, anders und nicht genug zu sein, begleitet mich bis heute.

Obwohl alle meine Freunde wissen, dass ich auf Männer stehe und ich auch bei meinen Arbeitskollegen kein Geheimnis daraus mache, muss ich doch sagen, dass ich immer wieder mit meiner Homosexualität konfrontiert werde. Homophobe Sprüche werden immer wieder gemacht, oft ohne Hintergedanken. „Boah, ist das schwul“ – diesen Satz habe ich von Menschen gehört, die mir nahe sind. Sie kennen die Bedeutung: „Boah, ist das schwul! „Bedeutet: „Boah, ist das ätzend“. Schwule sind also ätzend? „Schwul“ ist an Schulen immer noch das meist verbreitete Schimpfwort.

Ich muss wahrscheinlich nicht erklären, dass Homosexualität keine Entscheidung ist. Wir werden hetero- oder eben homosexuell geboren. Wir entscheiden als Homosexuelle lediglich, wie wir damit umgehen. Ich gestehe: Ich wurde in den letzten Jahren immer wieder von Angst getrieben: Was bedeutet es für mich, mich zu outen? Als Moderator wurde ich dazu ermutigt, in der Öffentlichkeit zu mir zu stehen. Anders lief es für mich als Schauspieler. Meine erste Rolle spielte ich als Herzensbrecher in der ARD-Serie „Sternenfänger“. In meiner Heimat von der Mutter einer Freundin darauf angesprochen, sagte sie mir, sie hätte die Serie gemocht, aber die Liebesszenen hätte sie mir nicht abgenommen. Warum? „Naja…“ druckste sie herum. Aaah! Weil ich schwul bin!
Heterosexuelle dürfen Schwule spielen (und bekommen dafür sogar Preise!), aber Schwule können keine Heteros spielen? Wie verhält es sich dann mit der Rolle eines Mörders? Muss man für einen Krimi schon jemanden umgebracht haben, um den Mörder glaubhaft darstellen zu können? Sie verstehen den Unsinn…

Das erste Mal wollte ich mich vor vier Jahren öffentlich outen, habe dann aber kalte Füße bekommen. Ich mag meine Privatsphäre und weiß, dass ich sie mit diesen Zeilen weiter öffne. Sie können glauben, dass mir, entschuldigen Sie, mein Arsch auf Grundeis gehen wird, sobald diese Ausgabe in den Druck geht. Mit den Konsequenzen werde ich leben müssen. Aber ich möchte mich hier nicht wichtig nehmen. Viel wichtiger ist mir in den letzten Jahren allerdings geworden, was mein Outing für andere Menschen bedeuten kann.

Bei meiner ersten Begegnung mit einem schwulen Pärchen hatte ich erst mit 15! Ich sah zwei händchenhaltende Männer in Gießen, in der Nähe des Dorfes, in dem ich aufwuchs, und folgte ihnen über eine Stunde durch die Stadt. Aufregend war das! Immerhin hatte ich noch nie live Homosexuelle gesehen.
Ein Jahr nach meiner Zeit in Kalifornien besuchte ich in den Sommerferien meine Gastfamilie erneut. Einige aus meinem Theaterprogramm hatten sich mittlerweile geoutet und waren „out and proud“. 1998 in meiner hessischen Heimat undenkbar.
Bei der Ankunft am Frankfurter Flughafen nach meinem Urlaub entschied ich, mich meiner besten Freundin anzuvertrauen. Einige Monate später outete ich mich bei meinen Eltern und weiteren Freunden. Es machte die Runde an meiner Schule. Ich war der Exot. Der Schulleiter zitierte mich in sein Büro und bot mir seine Hilfe an, sollte ich reden wollen. Auch wenn ich es heute als freundliche Geste von ihm empfinde, so fühlte ich mich damals durch diese Aussage noch mehr ausgegrenzt.

Je älter ich werde, desto mehr lerne ich über mich und den Kampf, den ich wahrscheinlich mein Leben lang mit mir führen werde. Es ist nicht nur mein persönlicher Kampf, sondern der Kampf aller, die sich fühlen, als würden sie nicht dazu gehören.
Ich werde dieses Jahr 40. Und ich will mich nicht mehr verstecken. „I am who I am“ – that’s right! Ich definiere mich nicht über meine Sexualität, sie ist ein Teil von mir, für den ich mich nicht mehr schämen möchte. Aber wen ich liebe hat immer noch eine starke soziale Bedeutung. Werde ich mich komisch fühlen, wenn beim Bäcker hinter meinem Rücken getuschelt wird: „Ist das nicht der schwule Moderator?“ Bestimmt.
Viel wichtiger ist es mir aber, mich nicht mehr schlecht zu fühlen, und anderen Männern und Frauen, die homosexuell oder transgender sind, Mut zu machen, zu sich zu stehen. Ich möchte nicht belehren, aber ich muss appellieren: Seien Sie offen! Offen zu Menschen, die anders sind als Sie. Einzigartigkeit macht uns aus. Und macht das unser Leben nicht spannend?

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