Kommentar vom VOISZ.com-Herausgeber: Einfach mal das Hirn einschalten!

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Peter Panzer | Herausgeber VOISZ.com ©Manuel Jacob
Peter Panzer | Herausgeber VOISZ.com ©Manuel Jacob

“Scheiß Schwuchtel”, “Viel zu viele Flüchtlinge”, “Juden gehören vergast”, “Alle zurück nach Syrien”, “Merkel ist schuld”. Solche Headlines und Kommentare haben wir in diesem Jahr zu genüge gehört, doch wie wäre es einfach mal sein Hirn einzuschalten?

Was hat Euch denn die “scheiß Schwuchtel” getan? Sie liebt, sie hat nun endlich das Recht bekommen zu heiraten, Kinder zu adoptieren und einen Schritt in Richtung Gleichberechtigung zu gehen. “Das ist gegen Gottes Willen”, gegen “christliche Werte”, “schadet dem Kind” und “bedroht die Institution der Ehe”. Doch sollte die Frage hier nicht eigentlich lauten: “Wem tut es weh?” Denn die Antwort darauf ist: “Niemanden!” Ein Kind, das keine Familie mehr hat, das im Heim groß wird und somit oft als gebranntmarkt gilt, soll kein Recht auf liebende Eltern haben? Ob Mann und Frau, zwei Männer oder zwei Frauen muss doch in diesem Fall in den Hintergrund geraten. Denn hier geht es um eine Chance auf eine gute Kindheit.

“Es liegt an jedem selbst, sich zu qualifizieren.”

Auch das es zu viele Flüchtlinge gibt halte ich für quatsch. In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit geringer als je zuvor. Wer arbeiten will, findet einen Job. Es liegt an jedem selbst, sich für diesen zu qualifizieren. Und wer glaubt, dass einem Flüchtlinge die Jobs wegnehmen, sollte sich einmal die Frage stellen, wie es sein kann, das jemand, der ohne Sprachkenntnisse, ohne unsere Kultur zu kennen und ohne einen deutschen Schulabschluss zu haben, es schafft dir deinen Job weg zu nehmen. Hier heißt es einfach mal einen Schritt zurück gehen und mit ein bisschen Abstand zu schauen, wie schlecht man denn selbst qualifiziert sein muss, um gegen eine “solche Konkurrenz” nicht bestehen zu können. Ernsthaft, wenn man für den Job nicht in Frage kommt, sollte man “die Schuld” erst einmal bei sich selbst, anstatt bei Ausländern suchen.

Fragt Eure Großeltern

Und warum “sofort zurück nach Syrien”? Hört man sich einmal um, wollen viele Flüchtlinge – lieber heute als morgen – zurück in ihre Heimat. Doch es geht nicht. Selbst wenn offiziell in einigen Regionen der Krieg als solches nicht mehr stattfindet, heißt das noch lange nicht, dass es sicher wäre oder die Menschen, die Angst um ihr Leben haben, dort direkt eine Perspektive hätten. Denkt doch einfach mal darüber nach, was ihr gemacht hättet, wenn ihr in eine solche Situation kommen würdet. Oder fragt Eure Großeltern, als sie vor Krieg, Bomben und Vernichtungslagern fliehen mussten.

“Die haben alle ein teures iPhone.” ist ein Vorwurf, der vor Neid nur so strotzt. Menschen haben ihr Hab und Gut aufgegeben und nun nur noch ein paar Klamotten, Erinnerungstücke und ein Handy mit denen sie ihre zurück gelassenen Freunde und Verwandte kontaktieren können. Was ist daran verwerflich? Man will Kontakt halten. Wie auch wir unsere Familie gerade zu Weihnachten anrufen möchten. Und Du hast kein Smartphone? Dann solltest Du vielleicht auch einmal darüber nachdenken, deine Wohnung zu kündigen, dein komplettes Inventar zu verkaufen und schwups, kannst Du dir auch ein gebrauchtes Smartphone leisten. Na merkt ihr was? Genau das haben die als “Wirtschaftsflüchtlinge” denunzierten Flüchtlinge mit Handy nämlich getan.

Und was soll der plötzlich wieder vermeindlich gesellschaftsfähige Hass auf Juden? Politisch haben die wenigsten von uns eine Ahnung über Israel und warum Jerusalem als Hauptstadt gelten soll oder auch nicht. Doch dies wird vor allem durch Politiker und Staaten derzeit als Thema eingenommen. Die Juden, die in Deutschland oder anderswo leben, haben ihre Ansicht dazu, ob das Gut oder Schlecht ist, doch ist das kein Grund sie anzufeinden. Das ganze nennt sich MEINUNGSFREIHEIT. Übrigens etwas worauf sich sämtliche Hasskommentatoren beziehen, wenn man sie auf ihre Hetze anspricht. Auch hier heißt es: Kopf einschalten.

Niemand tut Euch etwas.

Der ganze Hass, der Neid, die Missgunst und die Fehlinformationen, die uns die letzten Monate überall hinverfolgen tuen einfach nur weh. Im Herz und im Kopf. Man möchte nur herausschreien “SCHALTET EUER HIRN EIN!”. Niemand tut Euch etwas. Klar, es gibt Anschläge. Die gab es auch davor. Von Deutschen im übrigen nicht zu knapp, wenn man die Stichworte wie “NSU” oder “RAF” mal in den Raum werfen darf. Oder um näher an unsere aktuelle Zeit zu gehen auch den 11. September. Übrigens alles vor der großen Flüchtlingswelle, die so vielen Angst zu machen scheint.

Dass es auch in der Flüchtlingspolitik noch Nachholbedarf gibt steht außer Frage, aber wer sind wir denn, alle unsere Fehler oder Missstände auf andere abzuschieben. Die erste Frage sollte doch sein, ob uns andere Menschen wiklich schaden oder ob wir nicht selbst etwas an unserer Situation ändern können, wenn uns diese nicht gefällt. Im seltensten Fall ist das Gegenüber dafür verantwortlich, was wir aus unserem Leben machen (oder auch nicht machen).

Wer also das nächste Mal davor ist seine Wut auszulassen, sollte sich vielleicht einfach mal die Frage stellen, ob es wirklich das Gegenüber ist, dem diese Wut gilt oder es nicht vielleicht der Frust auf das eigene Leben ist. Denn hier hat jeder selbst die Chance etwas daran zu ändern.

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Peter Panzer ist Inhaber von PAN Medien und Herausgeber von VOISZ.com Seit 2004 ist er fester Bestandteil der schwul-lesbischen Medienwelt und wurde für diese Arbeit bereits mehrfach ausgezeichnet. Als gelernter Verlagskaufmann war er u.a. als Chefredakteur der blu München, als stellv. Chefredakteur der blu Deutschland und als Chefredakteur des Portals romeoliebtjulian.com tätig. Zudem moderierte er für den Online-TV-Channel „RLJ TV“ mehrere Sendungen und war CO-Moderator in div. lokalen TV-Formaten. Als freier Journalist arbeitete er für nahezu alle LGBTIQ-Medien in Deutschland und Österreich. Seit 2013 bringt Peter Panzer mit PAN Medien u.a. den Eventguide „SzeneTimer“, sowie die „CityMap MUNICH“ heraus.

2 KOMMENTARE

  1. Danke für den Kommentar. Leider befürchte ich, dass er auf taube Ohren stoßen wird, oder bezugnehmend auf “SCHALTET EUER HIRN EIN”, dass er auf hohle Köpfe treffen wird, die schon lange jegliche Aktivität eingestellt haben, für sich selbst zu denken.

    • Und dennoch hat unser Herausgeber es für wichtig erachtet, diesen Text zu verfassen. “Denn nichts ist schlimmer als sich von den Kommentaren und Hatern den Mund verbieten zu lassen.”

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