“Fuck, ich bin hetero” – Das andere Outing

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Da stehe ich nun. Am späten abend, in einer Gay-Bar. Den dritten Drink in der Hand und mir gegenüber André*. André ist mitte zwanzig. Seinen ersten Freund hatte er mit Anfang 18. Während dieser Zeit habe auch ich André kennen gelernt. Auch für seine Eltern, Geschwister, Familie und Freunde war alles in Ordnung. Sie mochten auch Andrés Freund. Mittlerweile ist die Beziehung allerdings seit einem Jahr vorbei. Und André war seit dem auch nicht mehr in der Szene unterwegs. Nun steht er also vor mir. Unsicher, nervös und sich fest an seinem Bier festhaltend. Soeben hat er sich bei mir geoutet. Als hetero.

Hetero? André? Das muss ich erstmal sacken lassen. Die Idee, dass es auch umgekehrt gehen kann, ist mir nie gekommen. André hat viele schwule Freunde in und außerhalb der Szene. Und nun stellt sich für ihn die Frage, wie reagiert sein Umfeld auf sein etwas anderes Outing. Jeder der sich bei seiner Familie als schwul oder lesbisch geoutet hat, weiß wie schwer es einem fällt, sich seiner Familie und Freunden zu offenbaren. Das ist für fast niemanden leicht. Aber nach alldem nun den Schritt zurück zu machen?

André gehört zu einer neuen Generation von Jugendlichen, bei denen es “normal” ist beide Geschlechter auszuprobieren und das auch offen. Er hat schnell seinen ersten Freund kennen gelernt und war glücklich. Er hat nichts vermisst. Doch nach dem Ende der Beziehung hat er sich zurück gezogen, sich sammeln wollen, in Ruhe den Schmerz über das Beziehungsende verdauen wollen. Und während dieser Zeit hat er sich wieder verliebt. In eine Frau. Sie kannte seine Vorgeschichte, sie war sich selbst nicht sicher, was sie davon halten soll. Genausowenig André. Wie kann es sein, dass ihn diese Frau anzieht? “Ich stehe doch auf Männer.” Oder doch nicht? Stand ich nur auf diesen einen Mann? Mittlerweile steht für ihn fest: “Mit Männern bin ich durch”. Mit der Frau wurde es nur zu einem kurzen Intermezzo. Aber beim weiblichen Geschlecht will er bleiben.

Seinen Eltern hat er es noch nicht gesagt. Seine Schwester hat geweint. Sie mochte ihren schwulen Bruder. Sie liebt auch ihren nun hetero Bruder. Aber an die neue Situation muss sie sich auch erst einmal gewöhnen. Mir hat er es soeben als einer der ersten Freunde aus seinem schwulen Umfeld erzählt. Die Frage steht noch im Raum: Wie gehe ich mit einem solchen Outing um? Geht das überhaupt, dass man sich nach dem Stress des Outings, dass man schwul ist, wieder zum anderen Geschlecht hingezogen fühlt? Und ändert es überhaupt etwas daran, wer die Person ist, die gerade wie ein begossener Pudel vor mir steht? Ich nehme noch einen Schluck von meinem Drink, atme durch, lächel ihn an und sage: “Solang wir uns auch weiterhin sehen, passt doch alles.”

*Name geändert. Er ist der Redaktion bekannt.

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Peter Panzer ist Inhaber von PAN Medien und Herausgeber von VOISZ.com Seit 2004 ist er fester Bestandteil der schwul-lesbischen Medienwelt und wurde für diese Arbeit bereits mehrfach ausgezeichnet. Als gelernter Verlagskaufmann war er u.a. als Chefredakteur der blu München, als stellv. Chefredakteur der blu Deutschland und als Chefredakteur des Portals romeoliebtjulian.com tätig. Zudem moderierte er für den Online-TV-Channel „RLJ TV“ mehrere Sendungen und war CO-Moderator in div. lokalen TV-Formaten. Als freier Journalist arbeitete er für nahezu alle LGBTIQ-Medien in Deutschland und Österreich. Seit 2013 bringt Peter Panzer mit PAN Medien u.a. den Eventguide „SzeneTimer“, sowie die „CityMap MUNICH“ heraus.

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